Die Knackpunkte des wackligen Aufschwungs
Von news.de-Redakteur Christian Mathea
In Deutschland herrscht Jubelstimmung, weil der Aufschwung da und die Krise vorbei ist. Doch wie sieht die Situation wirklich aus? Deutschland ist abhängig von anderen Staaten. Ein Grund mehr, die Situation auf den Exportmärkten unter die Lupe zu nehmen.
Die Krise ist vorbei? Nicht in der Welt der Wirtschaftsnobelpreisträger. Joseph Stieglitz sieht bereits neue Abgründe auf uns zukommen, falls die Regierungen ihre Sparpläne wirklich durchsetzen. Der Professor der Columbia University New York und Wirtschaftsnobelpreisträger bewertete unlängst die getroffenen Maßnahmen als «katastrophal». Für Stiglitz und seinen Kollegen Paul Krugman stehen Europa und die USA sogar bereits wieder am Rande der nächsten Rezession.
Davon wollen die Staatschefs der einzelnen Länder natürlich nichts wissen. Die deutsche Kanzerlin Angela Merkel und ihr Wirtschaftsminister Rainer Brüderle sonnen sich bereits im Aufschwung. Doch wie nachhaltig ist dieser wirklich?
Exportabhängigkeit in Deutschland
Sieht man die neuesten vielversprechenden Zahlen, könnte man glauben, in Deutschland ist die Krise vorbei. Die Unternehmen schreiben wieder schwarze Zahlen, die Banken stehen halbwegs stabil und die Arbeitslosenzahlen sinken - eine positive Überraschung, erinnert man sich noch an die Horrorprognosen während der Wirtschaftskrise.
Doch der Aufschwung basiert auf einem wackligen Fundament. Kaum ein Land ist so stark von der Situationen in den anderen Regionen abhängig wie Deutschland. Kommt die Erholung der Weltwirtschaft ins Stocken, ist es auch mit dem neuen deutschen Wirtschaftswunder vorbei. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) geht jetzt schon davon aus, dass die Wirtschaft hierzulande im Sommer nur halb so stark wächst wie in den ersten Monaten des Jahres. Das bisherige Wachstum ist laut Aussage der Experten nur auf «Nachholeffekte» zurückzuführen. Ähnlich wie Stiglitz und Krugman gehen die DIW-Experten bei einem Auslaufen der Konjunkturprogramme von einem Ende des Aufschwung aus.
Für den Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer ist die Nachfrage aus China der wichtigste Treiber der spektakulären Erholung seit Jahresbeginn. Chinas Hunger nach deutschen Autos und Maschinen war angefacht worden durch Konjunkturprogramme der Regierung in Peking, sagte er im Spiegel. Doch was passiert, wenn diese auslaufen?
Deutschland hat noch ein weiteres Problem. Es steuert auf einen Fachkräftemangel zu. Das Problem: Die Unternehmen hierzulande konkurrieren nicht über den Preis, sondern über Qualität und vor allem über Innovationen. Ein Vorsprung auf diesem Sektor ist jedoch nur durch gut ausgebildete Fachkräfte zu halten, die in den nächsten Jahr rar werden dürften.
Miese Stimmung und viele Arbeitslose in den USA
Zumindest die aktuelle Situation in den USA scheint noch schlechter, obwohl bisher alles danach aussah, als würden die USA relativ schnell ihren Weg aus der Krise finden. Mit Milliarden rettete die US-Regierung den Finanzsektor. Große Unternehmen wie General Motors kamen zügig durch die Insolvenz und arbeiten bereits wieder an einem Gang zum Börsenparkett.
Doch nach einer Phase der Hoffnung gerät der Aufschwung in den USA ins Stocken. Ein wichtiges Indiz dafür ist das sinkende Verbrauchervertrauen in den vergangenen Monaten. Die Konsumfreunde der Bürger ist wichtig für die binnenwirtschaftlich orientierten Staaten.
Zudem verharren die Arbeitslosenzahlen weiter auf einem hohen Niveau, und die Unternehmen stellen nicht so schnell Leute ein wie erwartet. Viele Amerikaner sind deshalb hoch verschuldet, es fehlt einfach das Geld für einen Aufschwung getragen aus dem Inland. Der renommierte Ökonom der Yale-Universität Robert Shiller spricht bereits von einem «Double-Dip», also einem Rückfall der US-Wirtschaft in die Rezession.
Sinkende Immobilienpreise in China
Die Wirtschaft in China brummt, die Arbeitskräfte sind billig und willig. Doch auch das Riesenreich hat seine Probleme. Vor allem eine wachsende Immobilienblase macht den Chinesen zu schaffen. In vielen Großstädten sinken nach jahrelangen Anstiegen die Immobilienpreise. Für Kenneth Rogoff, Harvard-Professor und früherer Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, sind das beängstigende Zeichen: «Wir beginnen, einen Kollaps im Immobilienmarkt zu sehen, und dieser wird den Bankensektor treffen», sagte er im Spiegel.
Eine weltumspannende Krise, wie sie damals von den USA ausgelöst wurde, wird China nicht auslösen. Doch für die Wirtschaftskraft des Landes sind sinkende Immobilienpreise ein Dämpfer. Vor allem deshalb, weil sich Städte und Kommunen in der Hoffnung auf hohe Verkaufserlöse ihrer Flächen hoch bei den Banken verschuldet haben, um große Bauprojekte finanzieren zu können. Das machte ein Großteil der Konjunkturprogramme aus.
Was Krugman und Stiglitz vorschlagen
Joseph Stieglitz schlägt vor, die Weltwirtschaft durch die richtigen Konjunkturprogramme am Laufen zu halten. Die Finanzierung sieht er weniger als Problem. Für ihn haben auch nicht die «Ausgaben zur Ankurbelung der Wirtschaft» die hohen Schulden der Staaten verursacht, sondern sinkende Steuereinnahmen und Ausgabenerhöhungen.
Stiglitz plädiert dafür, die Ausgaben für «unproduktive Zwecke» zu senken. Als Beispiel nennt er Kriege und Ausgaben für Bankenrettungspakete. Auch für Einnahmequellen sieht der Professor Potenzial: So sollten die Steuern für die Unternehmen erhöht werden, die Gewinne nicht reinvestieren. Auch die Spekulation sollte höher besteuert werden und dazu umweltbelastende Energien.