lj Lingen. Landrat Hermann Bröring nahm kein Blatt vor den Mund. „Der Arzt als Einzelkämpfer in den Dörfern ist nicht mehr das Modell der Zukunft“, erklärte er in einer Veranstaltung der Emsland-CDU zum Thema „Zukunft des ländlichen Raumes – ohne ärztliche Versorgung?“ in der Halle IV in Lingen. Stattdessen gehe der Trend hin zu Gemeinschaftspraxen bzw. Ärztenetzwerken, meinte der Landrat. Rund 120 Gäste nahmen an der Veranstaltung, in der lebhaft diskutiert wurde, teil.
Wolfgang Hentrich, Vorsitzender des Gesundheitsnetzwerkes im Altkreis Lingen (Genial), machte anhand von Zahlen deutlich, dass sich das Emsland bis zum Jahr 2020 auf einen drastischen Rückgang bei den Ärzten einstellen muss. Derzeit praktizieren 166 Hausärzte im Landkreis. Bis 2015 wird sich deren Zahl voraussichtlich um 23 reduzieren. Von 2015 bis 2020 wird ein erneuter Rückgang um 34 erwartet, sodass die Zahl der Hausärzte dann gegenüber heute ohne Neuzulassungen auf 97 gesunken sein wird. Nicht viel besser sieht es nach den Worten von Hentrich bei den Fachärzten aus, die im Emsland praktizieren. Statt heute 194 werden es 2020 den Berechnungen zufolge ohne Neuzulassungen nur noch 134 sein.
Da die Zahl der Medizinstudenten mit abgeschlossenem Studium in Deutschland stark rückläufig ist (von 11978 im Jahr 1994 auf 8742 im Jahr 2006) und von diesen nur etwa zwei Drittel eine Weiterbildung im deutschen Gesundheitssystem antreten (die anderen gehen in die Wirtschaft oder ins Ausland), wird sich, wie in der Veranstaltung deutlich wurde, der Wettbewerb der Regionen um neue Ärzte verschärfen. Erschwerend kommt hinzu, dass nach Ansicht der Krankenkassen immer noch zu viel Ärzte in der Bundesrepublik praktizieren.
Landrat Bröring unterstrich, dass sich der Landkreis diesem Wettbewerb stelle und mit den Beteiligten alle Möglichkeiten ausschöpfen werde, um eine ausreichende ärztliche Versorgung auch künftig sicherzustellen. In diesem Zusammenhang kündigte er die Gründung einer emsländischen Weiterbildungsgesellschaft im Sommer an. Mitwirkende sollen neben dem Kreis die Kassenärztliche Vereinigung, Krankenhäuser sowie Ärztinnen und Ärzte mit Weiterbildungsermächtigung sein.
In puncto „Praktisches Jahr der Medizinstudenten“ forderte Bröring nachdrücklich ein freies Wahlrecht. Das St.-Bonifatius-Hospital in Lingen und das Marienkrankenhaus Papenburg sind als akademische Lehrkrankenhäuser ausschließlich auf Studenten aus der Medizinischen Hochschule Hannover angewiesen. „Diese Situation ist nicht akzeptabel, da eine Vielzahl junger Emsländer bundesweit ein Medizinstudium absolviert.“
Heiner Pott, neuer Staatssekretär im niedersächsischen Sozialministerium, setzt ebenso wie Bröring auf regionale Konzepte. Er verwies auf ein neues Modell für Niedersachsen, kurz „MONI“ genannt, durch das Hausärzte mithilfe von anderen Fachkräften im Gesundheitswesen von arztfremden Tätigkeiten entlastet werden sollen. Pott hob das Ziel hervor, eine ausreichend qualifizierte, wohnortnahe Versorgung zu erhalten. Dies ist nach Auffassung eines im Emsland praktizierenden Arztes schon bald in linksemsischen Kommunen nicht mehr gewährleistet. Nur durch finanzielle Anreize könne gegengesteuert werden, forderte der Arzt mit den Worten „es brennt“ schnelles Handeln.
Michael Koop, CDU-Kreistagsmitglied und Apotheker, sorgt sich, dass der Ärztemangel auch auf die Apotheken durchschlagen wird. „Ziel muss es sein, eine flächendeckende medizinische Versorgung unter wirtschaftlichen Aspekten zum Wohl der Bevölkerung zu sichern“, hob Koop hervor.
Heinrich Hövelmann, CDU-Fraktionsvorsitzender im Kreistag, zollte den Ärzten Dank und Anerkennung. „Sie brauchen unsere Solidarität“, meinte er. Bernd-Carsten Hiebing, Vorsitzender der Emsland-CDU, rief dazu auf, die Mediziner von Bürokratie zu entlasten.
Er vertrat mit Blick auf den drohenden Ärztemangel die Auffassung, dass die CDU im Emsland rechtzeitig reagiere, wenn Probleme auftauchten. Dem widersprach allerdings Hentrich. Er machte darauf aufmerksam, dass sich der Ärztemangel in der Region schon seit Jahren abzeichne. „Die Ärzte müssen wieder zufriedener werden“, forderte Hentrich.
Alle müssen an einem Strang ziehen, um den Ärztemangel zu bekämpfen. Darin waren sich (von links) Michael Koop, Heiner Pott, Bernd-Carsten Hiebing, Wolfgang Hentrich und Hermann Bröring auf der CDU-Veranstaltung einig. Foto: Ludger Jungeblut